Forderungen

Die feige Generation und der unschätzbare Wert von Grenzen

„Der Job-Markt ist prall gefüllt mit Angeboten, sie ist schon jetzt die begehrteste Generation überhaupt und muss sich weder mit Armut noch mit Unterdrückung herumschlagen. Dennoch ist diese Generation feige!“ Es gibt nicht wenige, die diese Sichtweise vertreten. Haben sie recht? Wovor hat diese Generation Angst und ist sie wirklich feige? Welche Konsequenzen hat diese Angst für die Entscheidungen und das Leben der Generation Y? Ist sie nicht vollkommen frei? Und wohin gehen wir in einer Zeit ohne Grenzen?

 

Alles begann mit einem Steak

Ein Steak

Es ist ein warmer Abend Ende Februar in South Carolina. Eine kleine Gruppe von jungen Männern und Frauen aus den verschiedensten Teilen der Welt sitzt im Liberty Grill vor ihren medium gebratenen Steaks. Die Anwesenden  trinken regionale Spezialitäten und unterhalten sich ausgelassen. Unter ihnen ist  ein junger Entrepreneur, Matt, der sich nach seinem Studium als Motivational Speaker und Coach selbstständig gemacht hat. Ihm gegenüber sitzt ein niederländischer Gastprofessor, Marty, der gerade seinen Abschied feiert und gelassen den Bourbon in seinem Glas zirkulieren lässt. Ich sitze am anderen Ende des Tisches und verfolge amüsiert den multikulturellen Austausch. Kaum sind die Teller abgetragen und die nächste Runde Getränke am Tisch wird das Thema Generation Y angeschnitten – um genauer zu sein: Die Angst der neuen Generation.

 

Generation Y – frei oder feige?

Mitten im lockeren Austausch ergreift Marty das Wort. Er sagt, dass seine Studenten, was ihre eigene Zukunft betrifft, alles andere als entspannt seien. Orientierungslos und ständig mit der Frage geplagt, wo sie ihr Leben hinführen soll, irren sie ohne Antworten umher. Sie seien generell viel „ängstlicher“ als er dies aus seiner eigenen Sturm-und-Drang-Zeit kenne. Diese Aussage trifft am Tisch auf großen Widerspruch, gilt die Generation Y doch als sehr sorglos und permanent zum Aufbruch gestimmt. Ein Bild, das auch die Vertreter der Generation Y gerne von sich selbst zeichnen.

Die Anwesenden konnten diese Anschuldigung nicht einfach so im Raum stehen lassen, und dennoch fiel es schwer, ihr komplett zu widersprechen. Denn es stimmt: Die Generation Y macht sich viele Gedanken um ihre Zukunft. Sie hat viele Fragen und scheint ständig auf der Suche zu sein. Aber wonach sucht sie? Und welche Fragen oder Ängste sind das genau?

Matt ergreift als erster das Wort: „Wir sind in einem Umfeld aufgewachsen, in dem uns ständig gesagt wurde: Du kannst alles schaffen und werden was du nur willst. Den meisten von uns wurde nicht vorgeschrieben, was wir zu studieren haben oder welchen Beruf wir ergreifen sollen. Wir wuchsen ohne Grenzen und Einschränkungen auf.“ Damit hat er recht, aber sollte die Generation Y dann nicht sorglos durch das Leben tanzen? Sollte sie nicht unbeschwert in die Zukunft sehen, die doch so rosig zu sein scheint? Nicht unbedingt, denn mit dieser grenzenlosen Freiheit kommt nicht selten eine ganze Menge Ballast.

 

Du kannst alles machen was du willst – also tu es auch!

Die Ansprüche der Generation Y an die Arbeitswelt und ihr Umfeld stellen sie auch an sich selbst. Mehr noch, die „Ansprüche nach außen“ sind letztlich von den „Ansprüchen nach innen“ abgeleitet. Das Streben nach der absoluten Work-Life-Balance und der vollkommenen Selbstverwirklichung im Beruf sowie im Privatleben birgt ein sehr präsentes Risiko: das Scheitern. Insgesamt scheint die Generation Y deshalb sehr mit Problemen beschäftigt, die sie sich selbst auferlegt hat, mehr als mit Einflüssen aus der Umwelt.

Es geht bei der Generation Y darum, das maximale aus ihren Möglichkeiten herauszuholen – ohne Kompromisse. Ob dies nun der Posten des „Halbzeit-CEOs“ ist, das eigene Softwareunternehmen oder die „maximale Mobilität der tiefen Wurzeln“ – in Sachen Selbstverwirklichung geht es für die Generation Y um die Wurst.

Palme in South Carolina

Wenn man also von einer „ängstlichen“ Generation spricht, dann wohl im Zusammenhang mit der Angst zu Scheitern. Dies ist sicherlich ein Phänomen, das nicht einzig der Generation Y zuzuschreiben ist. Natürlich kennen auch viele Vertreter von Vorgängergenerationen die Angst zu Scheitern. Während zuvor aber das Scheitern oft von externen Urteilen bestimmt wurde – durch die Eltern, die Gesellschaft oder schlicht durch das Konto – findet sich die Generation Y vor einem viel erbarmungsloseren Richter wieder: sich selbst. Welche Implikationen hat der hohe Anspruch haben diese großen Ansprüche, die oberste Ebene der Maslow-Pyramide* erreichen zu wollen, für diese Generation?

 

Die Angst zu scheitern paralysiert und macht frei

Diese hohen Ansprüche können in zwei Richtungen führen. Es gibt Menschen, die, wenn sie vor einer solchen Mammutaufgabe stehen, erst gar nicht anfangen. Sie versuchen in kleinen Schritten voranzukommen, um nicht von der Klippe zu stürzen und verharren so in absoluter Paralyse. Dies spiegelt sich wider im Wahn um den lückenlosen Lebenslauf und erklärt, warum sich immer noch so viele junge Tale nte unter Wert verkaufen. Auch sie sind Vertreter der Generation Y.

Dieselbe „Angst zu Scheitern“ kann aber auch in ein ganz anderes Verhalten umschlagen: Der Spieler geht „All-in“! Dies ist der Teil der Generation Y, der alle Brücken hinter sich abbrennen lässt und das Sicherheitsnetz zerschneidet. Er stürzt sich in die Selbstständigkeit und will lieber grandios mit einem riesen Knall scheitern, als heimlich in der dunklen Ecke im Organigramm eines großen Industrieunternehmens. Es ist diese „ungeduldige“ Horde, die immer schon auf die nächste Karrierestufe schielt – gleichgültig der Tatsache, dass  der Vorgesetzte das „gar nicht gerne sieht“. Sie will etwas verändern, und weil sie es sich selbst schuldig ist, nicht nur „etwas“, sondern gleich die „ganze Welt“.

 

Schafft euch eure Grenzen selbst – und dann überschreitet sie!

Gesellschaft ohne Grenzen?

Eine Frage, die also oft gestellt wird, ist: „Womit fange ich an?“ Und hier fordert die Grenzenlosigkeit der westlichen Gesellschaft  ihren Tribut. Denn manchmal sind es gerade Grenzen, die uns provozieren, sie zu überschreiten. Oft sind es Einschränkungen, die uns kreativ werden lassen und mit denen es sich besser arbeiten lässt als mit einer nichtssagenden, leeren „Freiheit“. Das hört sich nach einem gewaltigen Luxusproblem an – aber jeder, der sich schon einmal mit einem „Luxusproblem“ herumgeschlagen hat, weiß: Auch Luxusprobleme sind echte Probleme.

Ich möchte an dieser Stelle gerne das Beispiel zweier Star-Architekten nennen: Sie erhielten den Auftrag eines großen Investors, irgendwo in der Wüste etwas „Gigantisches“ zu bauen. Er ließ ihnen komplette Freiheit. Sie hatten keine Budgetrestriktionen und mussten auf keine Grundstücksgrenzen achten. Sie waren verloren.

Um überhaupt die Arbeit beginnen zu können, setzten sie sich zusammen und definierten sich Grenzen – Limitationen wie: nur spezielle Baumaterialien, eine Budgetobergrenze, ein beschränkter Energiebedarf zur Betreibung und so weiter. Am Ende schufen sie tatsächlich etwas Großartiges mitten in der Wüste. Aber nicht, weil sie „absolut frei“ in ihrer Ausübung waren, sondern weil sie den Wert von Limitationen kannten.

Vielleicht liegt der Schlüssel zum Erfolg in einer unbegrenzten Welt darin, sich selbst Grenzen zu setzen. Ob sie letztlich überschritten oder eingehalten werden ist nebensächlich. Wichtig ist, was aus ihnen entstehen kann: Kreativität, Tatendrang und Ziele.

Wenn wir also wieder einmal rastlos und ratlos durch die Wüste ziehen, sollten wir an den unschätzbaren Wert von Grenzen denken und zu Architekten unseres eigenen Erfolges werden.

 

 

(*Abraham Maslow: A Theory of Human Motivation. In Psychological Review, 1943, Vol. 50 #4, Seite 370-396)

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