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Interview zu: „Let’s talk about… money, baby!“

Vor einigen Tagen habe ich auf „Generation: That’s Y!“ den Beitrag von Anne Ritter auf Karriere.de gepostet, in dem sie über die Generation Y und ihr Verhältnis zum Gehaltsgeheimnis schreibt. Hier nun das Interview, das Anne einige Tage zuvor mit mir geführt hat:

Anne Ritter: Jahrelang hieß es: Fragen nach dem Gehalt sind in Deutschland unter Freunden und Kollegen tabu. Zwei aktuelle Umfragen behaupten nun das Gegenteil: Im Vergleich zu anderen Ländern sprechen die Deutschen demnach gerne und offen über ihr Gehalt. Könnte dieser Wertewandel ein Verdienst der Generation Y sein oder sind die Ergebnisse der Umfragen unrealistisch?

Generation Sharing?

Thorsten Reiter: Ich halte die Ergebnisse der Umfrage keineswegs für unrealistisch. Auch ich habe das Gefühl, dass die Generation Y offener mit diesen Themen umgeht. Warum auch nicht? Es herrscht das Verständnis, dass hier größere Transparenz nur zugunsten der jungen Arbeitskräfte sein kann: Mehr Vergleichbarkeit heißt mehr Wettbewerb unter den Firmen und damit höhere Gehälter für sie. Das zeigt auch die Popularität von Seiten wie Gehaltsreporter.de oder besonders Glassdoor.com, die sogar auf Firmen und Positionslevel genau angibt, wie viel wer verdient.

Anne Ritter: Politische Überzeugungen, der Glauben und die eigenen Finanzen sind traditionell Themen, die nur mit den engsten Vertrauten besprochen werden. Doch die Millennials sind es gewohnt, sich in sozialen Netzwerken zu präsentieren, zu vergleichen und bewerten zu lassen. Sie teilen Gedanken und Güter – im extremen Fall sogar Staatsgeheimnisse. Ist die Frage nach dem Gehalt für diese „Generation Sharing“ noch eine Intimfrage?

Thorsten Reiter: Ich denke die Hemmschwelle ist für diese Generation auf jeden Fall gesunken. Man sagt der Generation Y nach, dass sie sich immer weniger über materielle und finanzielle Werte definiert. Daher ist es okay, sich offen und ehrlich über das Gehalt auszutauschen. Genau genommen verstoßen sie damit jedoch nicht selten gegen vertraglich festgelegte Bestimmungen: Viele Firmen halten die Verschwiegenheit über das eigene Gehalt im Vertrag fest. Ist die Generation Y also eine Horde von kleinen Whistleblowern?

Anne Ritter: Auch in anderen Ländern wird das Thema lockerer gehandhabt: In den USA sind Stellen oft mit dem zu erwartenden Gehalt ausgeschrieben. Du bist gerade in den Staaten. Welche Erfahrungen hast du im internationalen Vergleich gemacht?

New York – Keine Zeit über Geld zu quatschen, wohl aber es auszugeben

Thorsten Reiter: Definitiv! In den USA, dem Vaterland des modernen Kapitalismus, ist der Austausch über das eigene Einkommen, Vermögen oder generell über den eigenen Besitz traditionell verankert. Der Privatbesitz wird hier schließlich als Grundvoraussetzung persönlicher Freiheit gesehen. Hier tritt die Generation Y keinen neuen Trend los, führt diese Tradition jedoch aus anderen Motiven weiter. Schon früher hat man es in den USA nicht als „Protzen“ wahrgenommen, wenn gut gelaunt geteilt wird, wie viel Geld man im letzten Monat „gemacht“ hat. Heute dient der Austausch der Einschätzung darüber, wie gut oder schlecht man es mit dem Arbeitgeber seiner Wahl getroffen hat.

Anne Ritter: Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass öffentlich gemachte Gehaltsunterschiede zu Feindseligkeit, Neid und Unzufriedenheit führen können. Wie geht die „Generation Sharing“ mit solchen Gefühlen um?

Thorsten Reiter: Niemand würde behaupten, dass solche Gefühle der Generation Y fremd sind. Die Frage ist nur: Gegen wen richtet sich der Ärger? Gegen den, der es geschafft hat sich selbst ein gutes Gehalt zu sichern oder dem Unternehmen, dass es versäumt gleiche Performance gleich zu vergüten. Oft kommt es jedoch auch vor, dass Unternehmen nicht stichhaltig vermitteln können, warum die Performance des einen Mitarbeiters als besser eingeschätzt wird als die eines anderen. Dies ist aber eine Debatte, die sich nicht nur auf die Generation Y beschränkt.

Anne Ritter: Geld ist für die Generation Y kein ausreichender Motivator mehr, was bedeutet das letztendlich für die Debatte um die Offenlegung von Gehältern?

Thorsten Reiter: Die Transparenz wird weiter steigen – ganz gleich, ob dies Unternehmen oder Politik wollen. Vielleicht führt dies zu mehr Fairness und vielleicht zu höheren Gehältern – schwierig abzuschätzen.

Anne Ritter: In Deutschland empfehlen die meisten Experten, das eigene Gehalt auch weiterhin zu verschweigen, da Transparenz zu einem schlechten Betriebsklima führen kann. Kann diese Diskretion bei  Gehaltsverhandlungen nicht auch zu einem Handikap werden?

Thorsten Reiter: Absolut! Wer nicht weiß, was seine Arbeit wert ist, kann nicht verhandeln. Verschwiegenheit zu diesem Thema nützt nur einer Seite am Tisch.

Anne Ritter: Deine Haltung/Zukunftsprognose zur „Geheimsache Gehalt“: darüber sprechen oder nicht?!

Thorsten Reiter: Über eine persönliche Offenlegung, muss jeder selbst entscheiden. Ein gesammeltes Verzeichnis von Gehältern nach Qualifikation und Arbeitserfahrung aber halte ich für sehr sinnvoll! Dies kann ganz anonym passieren, hilft aber den Jobein- oder -umsteigern bei den Gehaltsverhandlungen enorm weiter!

Das Interview führte Anne Ritter. Sie ist Redakteurin bei Karriere.de und selbst eine „Altersleidensgenossin“ der Generation Y.

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