Forderungen

„Hiermit legitimiere ich mich selbst!“ – Legitimation im 21. Jahrhundert

Im Netz und den sozialen Netzwerken macht gerade ein Interview mit Russel Brand die Runde. Das Video zeigt das Gespräch, gesendet von BBC am 23.10.2013, zwischen dem Schauspieler Brand und BBC’s Jeremy Paxman. Wie viele Zuschauer hat auch mich dieser Beitrag zum Nachdenken gebracht. Die Themen die Brand in der fast feindseligen Diskussion anspricht, sind in sich ganze Blogbeiträge wert. Für mich aber blieben Fragen hängen, die sich um ein uraltes Konzept drehen, das ich hier zerlegen und im Licht des 21sten Jahrhundert begutachten möchte: Legitimation.

Wer brauch‘ schon Legitimation?

In seinem Interview soll Brand erklären, warum er (der nicht-Wähler) als Gastredakteur für das politische Magazin „New Statesman“, das in Großbritannien wöchentlich erscheint, tätig geworden ist. Vielmehr jedoch geht es um die Frage: Was Legitimiert ihn dazu? Seine Antwort: Nichts. Ich brauche keine Legitimation. Ich nehme sie mir!

Das ist ein interessanter Ansatz und wenn ich mir die Business- sowie publizistische Landschaft vor dem Hintergrund der Generation Y ansehe, habe ich das Gefühl, dass diese Intuition ein weiteres Kind der Ypsilanten ist. Warum sollte sich irgendwer in einer „freien“ Welt diktieren lassen, wozu er legitimiert ist oder nicht? Ich spreche hier nicht einmal von  vielleicht eingänglicheren Institutionen – wie die Legitimation eines Staatsoberhauptes –  sondern schlicht weg über die Legitimation zu handeln.

Wer legitimiert beispielsweise Sascha Lobo dazu, sich über Themen quer durch das öffentliche Interessenspektrum  hinweg zu äußern? Niemand. Wozu auch? Wenn es Leser findet und Leute, die darin einen Wert sehen – ist das doch Legitimation genug! Oder nicht? Entscheidet also letztlich der Erfolg, im Nachhinein, ob jemand bereits zu Beginn legitimiert war? Und wer entscheidet letztlich über diesen? Die Masse? Ist der Legitimationstitel also ur-demokratisch verliehen? Ich habe da meine Zweifel.

Legitimation und Demokratie

Legitimation und Demokratie

Legitimation und Demokratie

Sicher, in unserem poltischen Gefüge ist dieser Gedanke der „Legitimation“ gewährt durch eine höhere Instanz nicht eigen (zumindest nicht in der Demokratie, wenn sie wie geplant ausgeführt wird). Legitimation kommt durch das Volk. Zwar sind die meisten Politiker Juristen (was Legitimation durch Qualifikation andeuten könnte) – aber längst nicht alle. Ebenfalls Schreiner,  Metzger und BWLer ja sogar gänzlich professionslose Menschen können von der Masse ins Amt gehoben werden. Sie können dies, weil es das definierte Grundprinzip der Demokratie ist.

Abseits von demokratischen Systemen jedoch, wie beispielsweise in der freien Wirtschaft, sind wir süchtig nach Legitimation. Erst wenn wir die entsprechende Dosis erhalten haben, können wir uns auf Inhalte konzentrieren. Woher kommt diese „Legitimationssucht“, die stark mit dem Senioritätsprinzip verbunden scheint? Und welche Bedeutung hat sie noch im 21. Jahrhundert?

Legitimation und die Generation Y

Es scheint mir eine Wahrnehmungsdifferenz zwischen der neuen Generation und der alten zu geben: Der so oft kritisierte „Hochmut der Generation Y“ ist letztlich vielleicht nur die stille Ignoranz dieser „so angepassten Generation“ gegenüber dem Legitimationskonzept an sich. Junge Arbeitnehmer von heute fragen sich gar nicht, was sie dazu legitimiert die ein oder andere Stelle bzw. Verantwortung einzufordern.  Abseits von durch Expertentum verliehene Qualifikationen sind sie überzeugt: „Wenn ich den Job am Ende des Tages hinbekomme, ist es egal ob ich erst 35, 20 oder 16 bin!“

Legitimation: Ein Rohstoff unter zentraler Kontrolle

Lässt man sich dieses Konzept durch den Kopf gehen, kommt früher oder später das ungute Gefühl auf, es handle sich bei der Legitimation um das kontrollierte Gut einer Elite, die versucht ihren Stand zu verteidigen. Sie ist es nämlich in den meisten Fällen, die entscheidet, wer legitimiert ist und vor allem wer nicht. Nicht umsonst wächst in immer mehr jungen und jung gebliebenen Menschen der Wunsch nach der Selbstständigkeit.

Nicht die Realisation eines nach oben hin nicht gedeckelten Profits ist Treiber Nummer eins sondern Freiheit. Vor allem eine Freiheit sich nicht stets Legitimieren zu müssen und in diesem speziellen Fall die Freiheit gestalten zu können, obgleich die Legitimation durch die Senioritäten fehlt. Und dieser Gedanke ist vollkommen plausibel! In einer Welt in der Legitimation durch Vergangenes den Rohstoff jeder Tätigkeit darstellt, sehen ihre Wettbewerbsvorteile äußerst mager aus.

Aber brauchen wir Legitimation denn noch im 21sten Jahrhundert? Oder können wir einfach machen und sehen, was daraus entsteht und ob es funktioniert? Existiert sie denn überhaupt noch und wenn ja, wer hält sich noch daran?

Die bloße Machbarkeit als Legitimation der Eliten im 21sten Jahrhundert

Die bloße Machbarkeit als Legitimation

Die bloße Machbarkeit als Legitimation

Was ist Legitimation noch wert in einer Zeit, in der mehr und mehr einfach angeeignet wird und dabei auf der Täterseite nicht nur Gesetze gebrochen werden sondern auf der Opferseite eine Lethargie gegenüber den geraubten Freiheiten herrscht? Wer legitimiert beispielsweise multinationale Technologiekonzerne dazu, sich unsere Daten anzueignen und zu Geld zu machen? Niemand. Wer legitimiert diejenigen, die sie nutzen? Wir – durch den Klick unter die AGBs, ohne den der notwendige Service gar nicht nutzbar wäre? Ich bin mir nicht sicher.

Die bloße Machbarkeit scheint für die etablierte Elite bereits Legitimation genug zu sein. Sie haben Erfolg damit. Darum können sie es. Warum sollte also in Zukunft Legitimation nur noch der Seite nutzen, die sie kontrolliert? Warum sollten nicht wir alle, mit unseren Ideen, Konzepten und Neuanfängen einfach machen können? Sind wir die Opfer, die sich immer wieder selbst in die Schranken weisen? Warum pfeifen wir nicht ebenso auf Legitimation wie jene, die sie kontrollieren?

Was ist, wenn wir in Zukunft Ideen und Fähigkeiten bewerten und nicht den Status dessen, der sie mit sich bringt? Wenn wir auf Potentiale setzen anstatt in die Vergangenheit zu sehen, um Legitimationen zu finden? Was sind Legitimationen durch beispielsweise vergangene Qualifikationen noch wert, in einer „Fake it until you make it“-Gesellschaft?

Gefahren oder Einschüchterung?

Machen wir uns damit blind gegenüber verborgenen Agenden? Die potentiellen Gefahren sind offensichtlich. Wer hat nicht gleich das Bild Napoleons im Kopf, der sich selbst zum Kaiser krönt? Oder wem kriecht nicht gleich das kollektive Trauma der Deutschen in den Nacken? Wer riecht nicht Bullshit im Galopp herbeistürzen?

Aber was ist diese Vorsicht wert? Sie ist einseitig und waltet nicht bei jenen, die die Legitimationshoheit besitzen.  Und haben wir überhaupt eine andere Chance, in einer Welt in der die Nachrichten von vor drei Tagen keine Aussagekraft mehr haben? Können wir uns Diskussionen über Legitimation überhaupt noch leisten?

Back to Business

Sich selbst legitimieren?

Sich selbst legitimieren?

Was würde es für unsere soziale aber auch für unsere Businesswelt bedeuten, wenn Legitimation plötzlich nicht mehr diktiert würde? Gerade in der Wirtschaft ist die Legitimation eine konstitutionelle Säule. Vor jeder Präsentation wird auf den CV des Vortragenden eingegangen. Oft geschieht dies, in der Hoffnung, dass seine Expertise oder Position schwache Konzepte und Ideen ausglättet, seine Antworten zementiert oder kritische Fragen gleich im Keim erstickt. 

Sind es also nicht gerade diese plakativen Legitimationen, die Querdenken und kritisches Hinterfragen verhindert? Ist diese Legitimationswut nicht vielleicht der Deckelt, der uns daran hindert „out of the Box“ zu klettern – obwohl es ständig gefordert wird? Wie viele Fehlentscheidungen wurden vielleicht von Entscheidern mitgetragen, die sich haben blenden lassen durch die vermeintliche Legitimation des Vortragenden? Wo stünden wir schon heute, wirtschaftlich und auf politisch-sozialer Ebene, würden wir auf Ideen hören und nicht die Stimmen, die sie tragen?

Was hält uns davon ab, uns selbst zum freien Denken und Handeln zu legitimieren?

Ich freue mich über eine lebhafte Diskussion, konstruktive Kritik, weitere Ansätze sowie das Teilen dieses Artikels.

1 reply »

  1. Ich finde Ihren Artikel wirklich interessant. Legitimation für Handeln sehe ich ebenfalls in der Selbstbestimmung. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht über die Selbstverantwortung und die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die gesellschaftliche Struktur?`Worin unterscheidet sich für sie der „Machtmissbrauch“ von Despoten vom „Hochmut“ der „Generation Y“?

    Selbst gehe ich davon aus, dass hier eine Projektion von der einen auf die andere Generation vorliegt. Weiter denke ich, dass hieraus eine „trotzige“ Überreaktion weiter ansteigt und dies zu einer sehr scharfen (wenn nicht sogar blutigen) Eskalation führen kann. Im Anschluss daran würden sich meines Erachtens wieder sehr traditionelle / konservative Werte einstellen. Ob das „gut oder schlecht“ ist weiß ich nicht.

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