Hyper-Thesen

„Was denken Sie über die Generation Y“ – ein Rundumschlag

Vor einiger Zeit wurde ich von einer Generationsgenossin zu „meiner Meinung über das Thema Generation Y“ gefragt. Sie interessiere sich für das Thema aufgrund ihrer Tätigkeit bei einem Magazin und da die Frage nicht näher spezifiziert war, holte ich zu einem Rundumschlag aus. Die Arbeitswelt der Generation Y, das internationale Spannungsfeld in dem sie sich befindet sowie erste Prognosen für die Zukunft kamen hierbei auf meine rhetorische Richtbank. Der Text ist lang, wiederholt einige Punkte die ich bereits zuvor auf meinem Blog gemacht habe und ich poste ihn trotzdem: Alles andere wäre fatal. Viel Spaß beim Lesen.

Generation Y – eine Ikone

Generation Atlas?

Generation Atlas?

Seit einiger Zeit schon beschäftigen sich deutsche Personal- und Recruitingabteilungen großer Konzerne mit dem Thema Generation Y. Im letzten Jahr ist das Thema auch in den populären Medien angekommen und hat eine breite Öffentlichkeit mit etwas vertraut gemacht, wovon viele nie zuvor gehört hatten. Denn selbst Vertreter dieser Generation können oft nichts mit dem Begriff anfangen. Dieser Umstand ist bezeichnend für die Umgangsweise mit der Thematik: es wird viel über aber selten mit der Generation Y gesprochen. Auch wenn sich dies langsam ändert und sich durch den Dialog einige Vorurteile berichtigt haben sowie neue Eigenheiten dieser Generation zum Vorschein kamen, ist diese „neue“ Generation mit all ihren Eigenheiten eines schon jetzt: eine Ikone. Denn so sehr stilisiert wurden einst nur die 68er, was großes Potential entfesseln kann aber auch einige Risiken birgt.

Der Generation Y wird nachgesagt, dass sie durch ihre Erziehung und das Erwachsenwerden in einer freien westlichen Gesellschaft –  ohne materielle oder existenzielle Sorgen – andere Werte entwickelt hat, als Vorgängergenerationen. Die Aufopferung des Vaters für die Firma hatte Luxus und Wohlstand mit sich gebracht, es fehlte aber an Zeit und Priorisierung der Familie. Die von Kind auf abtrainierte „Hörigkeit“ gegenüber Autoritäten, die sich ausschließlich auf Ihre Seniorität stützen, ist hier nur ein Punkt, mit dem die Generation Y aneckt. Hinzu kommen die durch die Popkultur und den allgemeinen „westlich-modernen“ Erziehungsstil geschürte Kompromisslosigkeit und ein tiefer Idealismus. Anstelle von Träumen von Haus, Boot und Karriere treten Reisen, Freizeit mit Freunden und Familie sowie individuelle Entfaltungsmöglichkeiten.

Auswirkung auf die Arbeitswelt

Diese Eigenheiten, wirken sich auf alle Bereiche des operativen Geschäftes von Unternehmen aus. Da die Generation Y noch relativ am Anfang ihrer Karrierelaufbahn steht, sind zurzeit natürlich personaltechnische Fragen besonders interessant. Im Laufe der Zeit wird sich der Fokus der Diskussion verschieben, hin zu operativen sowie Führungsfragen. Wenn wir uns die Strukturen und Funktionsweisen der Betriebe im 20sten Jahrhundert und im ersten Jahrzehnt des aktuellen ansehen, so wirken die nachgesagten Eigenschaften der Generation Y sicherlich wie Sand im Getriebe und sind alles andere als Garant für einen Produktivitätsboom. Im Gegenteil, wenn Generationenkräfte in gegensätzliche Richtungen arbeiten, führt dies sicherlich zu Reibungsverlusten.

Die Frage ist aber, ob wir uns diese traditionelle Funktionsweise noch leisten können und wollen? Außerdem die Frage, wie die Generation Y ihre „Besonderheiten“ einbringt bzw. wie die existierende Arbeitswelt diese aufnimmt und zum gemeinsamen Vorteil nutzt. Denn zusätzlich zu den  Unterschieden zu früheren Arbeitnehmer kommt erschwerend hinzu, dass die Generation Y besonders durch ihre Heterogenität auffällt – in sich und zwischen einzelnen Ländern.

Generation Work-Life-Party?

Generation Work-Life-Party? (Foto: I. Haxhi-Kristo)

Die Generation Y – alles andere als homogen

Trotz globaler Kommunikation ist das Verständnis, was es bedeutet ein Vertreter der Generation Y zu sein, auf verschiedenen Flecken der Erde bei weitem nicht dasselbe. Die Generation Y ist ein Produkt ihres Umfelds und so sind ihre Eigenschaften je nach Umfeld unterschiedlich. Ich möchte gerne drei Beispiele nennen: Die Machtposition der Generation Y, die Themen der Generation Y und die Wünsche der Generation Y.

Während der demographische Wandeln in Deutschland diese bereits von Haus aus sehr selbstbewussten Generation in die Karten spielt, können junge Arbeitnehmer von diese Zuständen in anderen Teilen der Welt nur träumen. Vertreter der Generation Y in Indien oder China sehen sich einem Kampf um eine geringe langsam steigende Anzahl an Arbeitsplätzen gegenüber – egal wie hochqualifiziert sie sind. Ebenso kann ein wirtschaftlich schwaches Land wir Spanien seinen jungen Arbeitnehmern keine Zukunft bieten – hier geht es für Vertreter der Generation Y um die bloße Existenz. In den USA hängt es von der individuellen Ausbildung  des potentiellen Arbeitnehmers ab, ob und wie sehr er sich Ansprüche leisten und diese beim Arbeitgeber seiner Wahl durchsetzen kann.

Zusätzlich jedoch gilt auch für Deutschland, dass das verschobene Machtverhältnis zugunsten topausgebildeter Arbeitnehmer nur bedingt mit den Vertretern der Generation Y zu tun hat. Die Spitze der hochqualifizierten Arbeitnehmer musste sich noch nie Gedanken um Anstellung machen. Je nach Einschätzung des eigenen Wertes für das gewählte Unternehmen, steigen oder fallen die Ansprüche. Durch den demographischen Wandel und die resultierende Knappheit an Fachkräften, definieren wir „die Spitze“ heute jedoch weiter und das teilweise auch extern geschürte Selbstbewusstsein der Generation Y setzt hier noch einmal nach. Große Unternehmen haben hierzulande jedoch bereits lange festgestellt, dass sie sich mitten im „War for Talents“ befinden und passen ihre Angebote entsprechend an. Der Mittelstand ist hier wesentlich uneinheitlicher für diese Herausforderungen gewappnet.

Generation Global?

Generation Global?

Bleiben wir aber noch einen Moment im Vergleich mit den USA. Kulturelle Unterschiede haben selbstverständlich auch eine Auswirkung auf die Themen der Generation Y. Eine Forderung der deutschen Generation Y ist beispielsweise das sogenannte Work-Life-Blending, bei dem nicht nur noch „gelebt“ und „gearbeitet“ wird – wie durch die Work-Life-Balance suggeriert – sondern eine Vermischung der Arbeits- und Freizeit. Das Ziel ist ein Gesamtkonstrukt, das maximale persönliche Entfaltung des Individuums gewährleistet – trotz beruflicher Verpflichtungen. Eine solche Forderung entspringt einer hoch produktiven Arbeitskultur, die strikt zwischen Arbeits- und Freizeit trennt, dies aber mit entsprechend vielen Urlaubs- und freien Tagen vergütet. In den USA, einem Land mit längeren Arbeitszeiten und einer wesentliche geringeren Anzahl an Urlaubstagen, ist eine Vermischung des beruflichen und privaten Lebens daher fast schon vorprogrammiert. Die Tatsache, dass dort ein sogenanntes Work-Life-Blending also bereits schon je her zu einem gewissen Grad praktiziert wird, würde eine solche Forderung nicht annähernd so „revolutionär“ erscheinen lassen, wie hierzulande.

Doch selbst, wenn wir uns die Generation Y innerhalb Deutschlands ansehen, müssen wir feststellen, dass wir kein einheitliches Bild zeichnen können. Auf der einen Seite haben wir die freiheitsliebenden Individualisten, die sich lieber selbstständig machen als „für jemand anderen zu arbeiten“. Sie passen gänzlich in das populäre Bild vom post-materialistischen Idealisten, der lieber an seinen eigenen Träumen zu seinen eigenen Bedingungen arbeitet, als sich für einen Großkonzern zu „versklaven“. Auf der anderen Seite stellen wir jedoch fest, dass ebenso viele Vertreter dieser Generation so angepasst sind, wie kaum eine ihrer Vorgängergenerationen. Gerade bei der sogenannten „Spitze“ ist die Ausrichtung des eigenen Lebens an Karriere und einem lückenlosen Lebenslauf besonders ausgeprägt. Diese „Angst vor dem Scheitern bei so guten Chancen“ scheint nicht vereinbar mit den paradiesischen Aussichten auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Das Studium wird mit Ausland vollgepackt und durchgezogen, die Semesterferien mit Praktika zugestopft und es wird sich qualifiziert was das Zeug hält.

Generation Local?

Generation Local?

Äußerst angepasst oder so verschieden, dass nur der Weg in die Selbstständigkeit hilft – die Generation Y ist extrem und extrem unterschiedlich. Ich kann mir nicht anmaßen für eine ganze Generation zu sprechen aber von einem bin ich überzeugt: Diese Generation ist äußerst informiert und weitsichtig – vielleicht mehr als dies jemals eine Generation von ihr war. Sie können ihre Wünsche und Abneigungen sehr gut formulieren und diese entsprechend relativieren. Hierdurch werden sie zu hervorragenden Gesprächs- und Verhandlungspartnern. Firmen sollten sich genau dessen bewusst sein und den Vertretern der Generation Y auf Augenhöhe begegnen, sodass das Resultat für alle beteiligten optimiert werden kann – egal wie unterschiedlich ihre einzelnen Vertreter auch sein mögen.

Die Arbeitswelt der Generation Y in 20 Jahren

Schauen wir uns die Trends dieser Generation einmal an, können wir versuchen einige Vorhersagen zu ihrem Arbeitsalltag in 20 Jahren zu treffen. Arbeit wird wesentlich dezentraler stattfinden, gestützt durch professionelle sowie private Netzwerke. Ein guter Freund von mir, der in New York seine erste Stelle angetreten hat, arbeitet schon heute den größten Teil seiner Zeit von seinem Appartement aus. Dieser „Komfort“ kommt auf der anderen Seite jedoch mit einer erschwerten sozialen Kontaktaufnahme einher. Daher verlässt er sich auch hier auf entsprechende soziale Netzwerke, um dies auszugleichen.

Diese Netzwerkorientierung lässt sich auch auf die Unternehmenslandschaft in 20 Jahren übersetzen. Da ich mich besonders mit dem Thema Unternehmertum beschäftige, halte ich die Idee von vernetzten, hochspezialisierten und relativ kleinen Unternehmen äußerst spannend und realistisch. Vollständiger Zugang zu Informationen und erhöhter Wettbewerb, lassen den Druck auf alle Marktteilnehmer steigen. Große Firmen, ohne entsprechende Spezialisierung können nach klassischer Ausrichtung nicht mitthalten, da Entscheidungswege zu lang sind und entsprechende Risiken von Anteilseignern nicht getragen werden. Hier stellen dichte Netzwerke von kleinen, flexiblen Firmen oder einzelnen Unternehmern zukunftsfähige Ansätze dar.

Generation...jetzt sind mir die Bildtitel asugegangen.

Generation…jetzt sind mir die Bildtitel asugegangen.

Eine interessante Frage wird auch sein, wie sich die Beziehung von Mensch und Arbeitswelt verändern wird. Ob weniger gearbeitet oder die Arbeit facettenreicher wird, lässt sich abwarten. Dennoch stellen wir fest, dass heute ein großer Teil der Produktivität sowie der Vielfältigkeit des individuellen Arbeitnehmers nicht genutzt wird. Die Masse an produktiven Tätigkeiten außerhalb konventioneller Arbeitsbeziehungen, die sich vor allem im Internet darstellt, ist Beweis von nicht genutztem Potential. Wie Firmen diese „Talente“ der eigenen Mitarbeiter nutzen können, wird eine spannende Frage werden und in 20 Jahren hoffentlich geklärt sein.

Wird sie halten, was wir ihr zusprechen?

Ob die so vielseitig diskutierten Charakteristika der Generation Y wirklich zu Innovationen und sozialen wie ökologischen Revolutionen führen werden,  steht für mich in den Sternen. Die Generation Y ist schon jetzt eine höchst stilisierte Generation, eine Ikone, die unmöglich das halten kann, was ihr zugesprochen wird. Sie kann aber auch unmöglich so zerstörerische Auswirkungen haben, wie es ihre Kritiker fürchten. Fakt ist, dass diese Generation großes Potential in sich trägt. Potential aber „kann“ – muss nur leider nichts heißen. Denn gepaart mit großem prinzipiellem Idealismus kommt auch eine lethargisch-angepasste durch den individualisierten Konsum geförderte Isolation einher. Ich denke es liegt an allen Beteiligten offen für neue Ansätze zu bleiben und dennoch nicht blind jedem Trend zu folgen. So können wir gemeinsam eine Zukunft schaffen, in der alle Generationen gemeinsam gerne leben und arbeiten.

Was denkst DU über die Generation Y? Kommentare und Diskussionen erwünscht! Holt zum Rundumschlag aus! 

2 replies »

  1. Ein wichtiger Punkt, der für mich die Generation Y ausmacht, ist die Bezogenheit auf sich selbst. Klar, den eigenen Lebensweg mussten auch die Generationen vor uns bereits meistern, aber der Überfluss an Möglichkeiten führt – wie ich finde – dazu, dass viele junge Leute sehr viel über sich selbst, ihr Leben, ihre Ansprüche, Ziele etc. nachdenken. Heute gibt es keinen Papa mehr, der bestimmt, welche Berufsausbildung gemacht werden soll, andererseits wird das Bild vermittelt, dass die tipptopp-Studium-Auslands-Praktikums-Trainee-Laufbahn ganz normal sei und man ohne keine Chancen hätte… Und dazwischen steht dann das ach-so-individuelle Individuum und muss den „richtigen“ Weg für sich finden. Ich denke, keine der Generationen vor uns hat so viel Zeit zum Nachdenken verwendet. Ob das immer so gut ist? Ich weiß nicht, ich denke schon, dass die Menschen dadurch egoistischer werden. Zwar wird dies nicht mehr unbedigt mit dickem Auto und goldener Kreditkarte nach außen gezeigt und die Bohrmaschine lieber per Sharing-Community ausgeliehen, aber ich bin dennoch sehr gespannt, wie sich diese Entwicklung in 10-20 Jahren zeigen wird und sich auf unsere Kinder auswirken wird (falls wir denn welche bekommen, beeinträchtigt ja die Work-Life-Balance erheblich! ;-))… Lauter kleine Ego-Monster…?

    PS: Der Namn „Generation … Jetzt sind mir die Bildtitel ausgegangen“ ist gar nicht mal so unpassend. ;-P

    • Hallo Christiane!

      Ich finde die Punkte, die du machst, sehr passend! Auch ich habe mir schon oft darüber Gedanken gemacht, wie sich diese Eigenheiten wohl auf Kindererziehung und Geburtenrate auswirken wird. Es bleibt spannend aber ich denke gerade diejenigen von uns, die nicht nur selbstverliebt sondern auch selbstreflektiert sind, sollten auch eine gewisse Verantwortung spühren – gegenüber sich selbst, der Gesellschaft und der Zukunft. Gerade wir haben große Chancen, Dinge tatsächlich umzusetzen, aber das Level an Involvement sinkt mindestens so schnell, wie die faktischen Möglichkeiten, Dinge zu verändern, steigen.
      Wie gesagt: Es bleibt spannend!
      Beste Grüße und ich freue mich auf weiteren Austausch!
      Thorsten

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