Coaching

Mit Vollgas nirgendwo hin – na und?

Immer wieder höre ich in Diskussionen sowie im persönlichen Mentoring, dass eine große Anzahl an Vertretern der Generation Y nicht wissen wohin. Sie sind top ausgebildet, jeder war im Ausland, jeder hat tolle Pratika und jeder war an einer Uni/Hochschule, die in irgendeinem Ranking in irgendwas Weltklasse ist. Aber wohin sie wollen und warum sie das tun, wissen die meisten nicht. Dies allein ist schon eine Geschichte, die es Wert ist, zu erzählen: Denn was noch schlimmer ist, als das Gefühl nicht zu wissen wohin, ist die falsche Annahme, damit alleine zu sein.

Überflieger ohne Navigation?

Überflieger ohne Navigation?

Individuell, planlos und allein

Um die ganzen höchst individualisierten Einzelkämpfer, die ohne kollektive Ideale und Ziele in der bedeutungslosen Konsumgesellschaft umherschwirren, steht es nicht ganz so gut. Zumindest hin und wieder nicht, wenn die Frage aufgeworfen wird: „Ja und was willste‘ dann damit machen?“ „Keine Ahnung.“ Das ist die häufigste Antwort auf diese Frage. Wie ausgeprägt, lang- bzw. kurzfristig sich das „keine Ahnung haben“ auswirkt, variiert natürlich zwischen Personen und über die Zeit hinweg. Das tiefe Unwohlsein, trotz der eigenen „großartigen“ Leistungen (oder eventuell sogar gerade ohne diese) orientierungslos zu sein, nagt an der Persönlichkeit und macht die „Happy-Sharing-Around-The-World-Stimmung“ kaputt – genau wie Putin.

Auch Luxusprobleme sind Probleme

Sarkasmus beiseite: Ich will ich diese Probleme gar nicht trivialisieren, denn auch Luxusprobleme sind echte Probleme. Das faire an unserer Welt ist nämlich, dass genau wie Glück auch Unglück relativ ist. Das bedeutet, dass auch wenn die Probleme einer Wohlstandsgesellschaft, weltweit gesehen keine sind, so sind wir mit unseren 2,35 Autos und 1,5 Immobilien pro Familie nicht glücklicher als jene, die viel weniger haben.

Immer wieder kommen Generationsgenossen auf mich zu, und teilen mir mit, wie verloren sie sich fühlen. Deswegen möchte ich gerne meine Perspektive auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ teilen. Ich hoffe, dass sie dem ein oder anderen etwas Mut macht und sie/ihn motiviert, weiterzumachen – auch ohne Plan. Denn: 1. Du bist nicht alleine, 2. Du kannst nichts dafür und 3. Das ist auch gar nicht schlimm.

1. Du bist nicht alleine

So wenig einzigartig wie wir während unseren Höhenflügen zu sein glauben, so wenig einzigartig sind wir auch dann wenn wir am Boden liegen. Ob das jetzt hilfreich in einer Gesellschaft ist, die um jeden Preis einzigartig, individuell und ganz besonders sein will, weiß ich nicht. Ich glaube aber, gerade wenn es um dieses Thema geht, verschafft es ein wenig Beruhigung, zu wissen, dass es jedem Zweiten so geht. Sich selbst realistisch zu betrachten und alle Illusionen der Einzigartigkeit mal bei Seite zu schieben, muss nicht immer deprimierend sein, sondern kann auch helfen, die Panik etwas zu reduzieren.

Ein falsches Bild der anderen

Hinzu kommt, dass wir – obwohl wir ja so einzigartig sind – uns ständig mit anderen vergleichen. Egal ob durch Success-Stories in irgendwelchen Magazinen oder in 20-Minuten-Intervallen auf Facebook. Das Resultat ist keine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, sondern ein verzerrtes Bild der Realität. Niemand hat ein so problemfreies Leben, wie es der Facebook-Account vermuten lässt. Durch die selektive Zurschaustellung allein der großartigen Momente, wird eine parallele Realität um uns aufgebaut, die keine ist. Sich an ihr zu messen, ist schlicht weg Betrug an der eigenen Persönlichkeit und nur schädlich.

Was darf's denn sein?

Was darf’s denn sein?

2. Du kannst gar nichts dafür

Warum wir nichts dafür können, möchte ich einmal aus entscheidungstheoretischer Perspektive betrachten. Vor jeder Entscheidung zu Handeln, müssen die Optionen ausgewertet werden, gemäß den eigenen Präferenzen. Dies ist der grundlegende Schritt einer jeden fundierten Entscheidung. Und schon hier stecken zwei Probleme der meisten Gen Y’ler verborgen. Erstens: Die Optionen können nicht klar überblickt werden. Und zweitens: Die eigenen Präferenzen können aufgrund des fehlenden Überblicks nicht herausgebildet werden. Das heißt, wer nicht weiß was er will, kann sich nicht dafür entscheiden und wer nicht weiß, was es gibt, kann nicht wissen, was er will.

Fehlende Informationen und Karriere-Bullshit-Bingo

Fehlende Informationen über Berufsfelder, Karrierewege etc. erschweren die grundlegende Ausgangslage noch weiter. Hier konnte auch das in den letzten Jahren unglaublich aufgebauschte Karrieremarketing nicht weiterhelfen. Denn alles, was uns das Marketing suggerieren will ist, dass eine Karriere als Buchprüfer zu täglichen Herausforderungen führt und den Kandidaten über sich selbst hinauswachsen lässt. Das Ganze hat aber leider einen Informationswert von Null und was der Buchprüfer den lieben langen Tag macht, wird trotzdem nicht verraten – vielleicht mit Absicht.

Die Überwindung der Social Desirability

Ein weiteres Problem in der Entscheidungsfindung, ist die sogenannte Social Desirability, also das unwillkürliche Verfärben der eigenen Präferenzen durch soziale Einflüsse von außen. Sprich: Wir wollen oft die Dinge, die alle anderen wollen. Nicht, weil sie sonderlich erstrebenswert sind, sondern weil alle anderen Sie ja auch wollen. Und die Herde kann sich ja nicht irren. Anstatt also selbst nachzudenken, folgt das verlorene Schaf Mensch der Herde. Das ist sicherer und mit weniger Aufwand verbunden. Sich von äußeren Einflüssen frei zu machen, ist aber nicht nur unglaublich schwer, sondern auch unerlässlich. Dies gilt zumindest für Entscheidungen, die entlang der Paramente getroffen werden sollen, die den Entscheider selbst glücklich machen. Wir müssen uns also fragen, was wir selbst wollen – losgelöst von dem, was andere wollen.

3. Das ist auch gar nicht schlimm

Kommen wir zum letzten Punkt: Das Ganze ist (obwohl wir anerkennen müssen, dass es ein reales Problem ist) überhaupt nicht schlimm. Jemandem, der wie im oben genannten Text ausgebildet ist, wird das eigene Leben nicht mehr komplett engleisen, nur weil er oder sie mal nicht weiß, wohin oder warum. Und selbst jene, die es erst im zweiten, dritten oder vierten Anlauf hinkriegen, sind nicht verloren. Die Tatsache, dass sie in einem freien westlichen Land aufgewachsen sind, in dem die Wirtschaft auch noch robust funktioniert, bietet unzählige Chancen. Jeder findet irgendwann seine Nische.

Das Leben ist kein Facebook-Profil

Und selbst wer umgeben ist von Menschen, die ihre Entscheidungen ohne Zögern treffen, sollte sich bewusst sein, dass die meisten Entscheidungen nur das Ergreifen gebotener Chancen sind. Eine „richtige“ Entscheidung wird tatsächlich immer erst im Nachhinein, durch Rechtfertigung mit diesem Prädikat geadelt. Nicht umsonst sagte Jobs, dass „die Dots nur in Retrospektive connecten werden können“. Was er eigentlich meinte war: „Jetzt bin ich erfolgreich und alles was ich bisher gemacht habe, habe ich vor meinem Erfolg gemacht und daher muss es ja auch irgendwie etwas mit meinem Erfolg zu tun haben – oder nicht?! Naja, jedenfalls macht es meine Rede besser.“

Alles andere ist ein Zurechtlegen des eignen Lebenslaufes in einer willkürlichen Abfolge oder um die Illusion zu stärken, das eigene Leben ließe sich planen. Was wir im Zeitalter der professionalisierten Selbstdarstellung allerdings vergessen ist, dass sich das Leben eben nicht planen lässt. Das Leben ist schließlich kein Facebook-Profil.

Kein Stress!

Kein Stress!

So what?

Natürlich ist es großartig, wenn es junge Menschen gibt, die ganz genau wissen wohin es gehen soll. Doch auch sie sind von den Enttäuschungen, die eigenen Ziele mal nicht zu erreichen sowie beim Erreichen der Ziele festzustellen, dass sie gar nicht so erstrebenswert waren, auch nicht gefeit. Jeder sucht nach Chancen für sich selbst und ist dadurch aufmerksam, was um ihn geschieht. Daran ist nichts verkehrt. Es macht aber auch angreifbar für jene, die diese Suchenden ausnutzen wollen. Hier großen Versprechungen auf den Leim zu gehen, ist eine reale Gefahr.

Manchmal ist es für die eigene Motivation gar nicht so wichtig zu wissen, wie genau das eigene Leben einmal aussehen soll. Oft reicht es, zu wissen, wie es sich einmal anfühlen soll. Das gibt eine grobe Richtung vor und schütze vor Entwicklungen in die komplett falsche Richtung.

Aus Zweifel Fragen machen

Wenn wir unsere Wahrnehmung umstellen von dem Sammeln möglichst zahlreicher Errungenschaften hin zum Sammeln von Erfahrungen, sind wir auf dem richtigen Weg. Denn niemand kann uns diese Erfahrungen, Erkenntnisse, Freundschaften oder Netzwerke wieder nehmen. Wir tragen sie jederzeit und überall mit uns mit. So entsteht ein weiches Kissen, das uns schützt, sollten wir einmal stürzen. Das macht frei, auch mal ein Risiko einzugehen, Neues zu erleben und die Angst vor der nächsten Entscheidung hinter sich zu lassen. So verschwinden die Zweifel über die eigene Zukunft zwar nicht, aber sie verwandeln sich in Fragen – diese sind viel harmloser und vor allem kostenfrei.

Wenn Erfahrungen unter Vollgas nicht auf der Strecke bleiben und die Intensität des Lebens ebenfalls ausgereizt wird, sind wir alle dabei, uns ein sehr angenehmes Leben aufzubauen. Stück für Stück mit Nischen und genug Raum, für spontane Planänderungen. Vielleicht schaffen wir es mit der Zeit sogar, uns weniger darüber zu definieren, was uns unterscheidet und mehr über das, was uns verbindet.

 

8 replies »

  1. Hey Thorsten,

    ein lebhafter und kurzweiliger Artikel! Danke dafür!

    Ich habe deinen Blog gerade entdeckt und werde öfter hier vorbeischauen – was machst du gerade und wo steckst du. Fände es spannend mich mal persönlich mit dir auszutauschen.

    Ich habe gerade einen Artikel über Stärken und Schwächen der GenYs geschrieben – vllt magst du mal reinschauen oder er ist dem einen oder anderen eine Inspiration.

    Hier der Link dazu: http://anti-uni.com/generation-y-11-staerken-und-schwaechen/

    Beste Grüße!

    ben

    • Hey Ben,

      Vielen Dank! Es freut mich, dass dir der Artikel gefällt. Danke auch für den Re-Post!
      Ich bin zurzeit wieder in Deutschland – gerne können wir uns einmal austauschen.
      Sende mir doch einfach eine Mail an meine Blogadresse.
      Werde mich gespannt auf deiner Seite umsehen.

      Beste Grüße,
      Thorsten

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