Erfahrungsbericht

Y the hell?! – Medien vs. GenY

Gerne gebe ich engagierten Lesern meines Blogs die Möglichkeit, Gastbeiträge zu verfassen. Hier einer zu den aktuellen Themen rund um das Generation Y-Bashing. Danke Oliver Steiner für deinen Beitrag – wie immer unverfälscht und unverändert!

Oliver Steiner

Oliver Steiner

Klickt man sich durch die Online-Ausgaben bekannter Zeitungen und Nachrichtenmagazine, liest man eine inflationäre Zahl an Artikeln über eine vermeintlich angepasste Generation. Gemeint ist die heutige Studierendenschaft oder im Kontext dieses Blogs: die Generation Y! Schrieb man der Generation der Studenten um das Jahr 1968 positiv ausgedrückt Widerstand, Hinterfragung, Kritik und Streitkultur zu – so sind die heutigen medialen Attribute Anpassung, Pragmatismus, Interessenslosigkeit und Fixierung auf Prüfungen, ECTS und den Arbeitsmarkt.

Aber step-by-step: in letzter Zeit dürften die Artikel „Uni Absolventen: Total angepasst wie gewünscht“ von Spiegel Online und „Wie die Generation ‚Gefällt mir‘ das Streiten verlernt“ von Karin Janker in der Süddeutschen Zeitung die beste Mischung aus Revoluzzer-Nostalgie und der Angst vor der zukünftigen akademischen Apokalypse abgeliefert haben. Frei nach dem Motto: Früher war alles besser. Ja mein Kind, damals, als ich jung war, sprachs sozialromantisch verklärt zwischen allen must-haves der Spießerinsignien.

Karin Janker erhebt den Vorwurf, Studenten seien im Hörsaal zu nett, würden nicht widersprechen, zu allem „gefällt mir“ sagen und nicht selbst urteilen. Das sei so, weil Studenten den Anforderungen des Arbeitsmarkts entsprechen wollen. Der Bachelor nehme ihnen vieles ab, selbst die Erstellung des Stundenplans. Alles nicht Prüfungsrelevante werde irrelevant – sie würden unter enormen Druck leiden, ja, sie seien arbeitsmarktkonform, gar fremdgesteuert.

Jan C. Weilbacher verlässt in Spiegel Online zwar den Campus, doch unterscheiden sich die Thesen und Stigmata auch nach dem Abschluss nicht von denen auf dem Campus. Auch fängt er hoffnungsvoll an, in dem die Generation Y in Schutz genommen wird. Doch es folgen die identischen Platitüden: pragmatisch, brav, angepasst. Es mangele gar an der Fähigkeit für den Arbeitsmarkt. Von A wie Anpassung zu Z wie Zielorientierung werden alle Schlagworte mit Konjunktionen und Füllwörtern verbunden, selbstverständlich nicht ohne Bologna und ihrer Hetze von Note zu Note nahezu dogmatisch einzubauen. Zuletzt wird die Fähigkeit zum Denken abgesprochen.

In diesem Zusammenhang stellen sich einem mehrere Fragen: stimmen die anmaßenden, da vorwurfsvoll formulierten, Urteile gegenüber den Studenten und der Generation Y – ist sie in der Tat angepasst und auf Effizienz fixiert? Wenn nein, was soll die Kakophonie und wie kommt man darauf? Und wenn ja, ist es schlecht oder gar verwerflich? Und warum wird, ja fast wie eine Sheldon Coopereske Zwangsstörung oder eine gesetzliche Obligation, eine Kausalkette zwischen den angeblichen Wesen der Studenten mit der Bologna-Hochschulreform konstruiert? Oder in aller Kürze: Y the hell?

Nun, es ist stets eine Frage des Einzelnen und vermessen, Hunderttausende über zu verurteilen. Es gibt die Protest-Nein-Sager, es gab auch im Jahre 1968 sicherlich die, die sich um ihre Sachen gekümmert haben, als Protest als Event und Lebensstil zu feiern. Ist es nicht u.a. ein Ziel des Studiums, im Anschluss zu arbeiten? Wie viele müssen Semester für Semester überlegen, welche Kurse sie belegen wollen? Gab es nicht bereits 1968 jene, die gerne schnell und zügig fertig werden wollten, sowie es auch heute diejenigen gibt, die Campieren und Campus verwechseln? Wem nützt es, sich mit Protest und Widerspruch des Protests und Widerspruch aufzuhalten? Nicht mal einem selbst. Ist gar ziemlich egoistisch, anderen dadurch die Zeit sinnlos zu rauben.

Ist es ein Frevel, Zeit für die schönen Dinge der Welt aufzusparen und sich auf Prüfungen effizient vorzubereiten? Und wer ist dieser ominöse Fremdsteuerer wenn nicht jeder selbst? Schließlich gibt es die, die sich in jeder Lage unnötig Druck machen und lieber jammern als die Zeit zu nutzen – und es gibt die Macher. Heute wie anno dazumal. Und welche infame Unterstellung ist eine Verbindung zwischen Studienabschlussbezeichnung und Fähigkeit herzustellen? War ein Vordiplom nicht nach 3 Semestern und das Diplom nach in der Regel 8-9 geplant? Sind es heute nicht 6 und 10? Ein Schelm wer Böses denkt.

Der Grundlage für alle Untergangsszenarien entbehrt es also an Grundlage. Ist es Uninformiertheit, die Angst vor Veränderung, die mediale Logik, dass nur Negatives Eingang findet oder gar eine Mischung aus allem, die die Scharen von Autoren veranlassen, eine Generation zu verunglimpfen?
Eine Zwangsverknüpfung mit einer Umstellung der Abschlüsse an deutschen Hochschulen ist wie die Hexenjagd im Mittelalter: was man nicht kennt, muss man verteufeln. So bringt diese doch gerade eine Freiheit mit: die Möglichkeit, sich zwischen 6 oder 10 Semestern zu entscheiden, statt wie vorher abbrechen zu müssen, wenn man nicht die volle Distanz gehen möchte.

Es ist keinesfalls verwerflich, ein Ziel vor Augen zu haben und dieses durchzuziehen ohne sich genötigt zu fühlen, mit Pseudoaktivismus um den Block zu fahren. Doch auch diese Wahlfreiheit wird gewehrt. So wie sie früher auch gewehrt wurde. Der Unterschied ist, dass heutzutage nicht in diesem Ausmaß linke Systemkritik zum guten Ton gehört und theoretische Diskurse, bzw Exzesse, geführt werden müssen.

So ist den Artikeln tatsächlich partiell zuzustimmen: die Generation Y ist vielleicht doch pragmatisch geworden und hat erkannt, dass theoretische Debatten über die schöne neue Welt mit einem Hauch Satre zu nichts führen, sondern das Handeln für sich und die Gesellschaft einem am weitesten bringt.

Die Thematik ist damit tatsächlich, frei nach Marcel Reich-Ranicki, Mumpitz, da es keine Generation „gefällt mir“ ist, sondern eine, die lieber handelt und macht, anstatt sich wie hochgelobte und romantisch verklärte Vorgänger aus dem Elfenbeinturm mit sinnlosen Diskursen selbst zu stilisieren. Und da kann man doch erst recht sagen: „Gefällt mir“!

 

2 replies »

  1. Ich fand das politische Desintresse meiner Kommilitonen auch richtig übel, so gar kein Wissen oder Interesse an Politik. Bei den letzten Astawahlen gab es eine Wahlbeteiligung von unter 20% und gewonnen hat die christliche Studentenvereinigung, in der Regierung ist ja auch die CDU.
    DAs es christliche Verinigungen (Was definitiv nicht meinr Fall ist) schaffen, Wähler zu mobilisieren und etwas politisch auf die Beine zu stellen, zeigt das es doch geht. Von dieser Gruppe könnte man Rückschlüsse ziehen, was anders bei ihnen ist. Bestimmt fehlt es einfach an einem TReffpunkt für Politic oder jemand der vernünftig den Sinn und Zweck erklären und dafür begeistern kann, weil Politik in den Medien ist definitiv total ätzend.

    ICh hoffe, das der Autor Recht hat, das pragmatismus und die totale fokussierung auf das eigene Potential gesellschaftlichen Fortschritt bringt. Die 68er haben sich ja auch alle geändert, wie Joschka Fischer, vom Pfazisfist, zum ersten Außenminister im Krieg. Die Frage ist ja auch, ob man mit relativ wenig Lebenserfahrung schon seinen politischen STandpunkt bilden sollte oder später mit etwas mehr LEbenserfahrung. Vielleicht startet die Gen Y mit 40 politisch durch.

  2. Love that you highlight Generation Y’s obsession with „liking“ causes rather than contributing to society. We tackle the same issues in a satirical style and would love to hear your feedback on our blog.

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