Unterhaltung

Don Draper macht weiter…

Mit unglaublicher Freude aber auch großer Wehmut habe ich am Sonntagabend die finale Folge der Serie „Mad Men“ gesehen. Ein Stück TV-Geschichte, das mich acht Jahre lang begleitet hat, ging zu Ende. Ich kann es mir daher nicht nehmen lassen, hier auf Generation That’s Y! einen kurzen Beitrag zur Interpretation dieser letzten und höchst komplexen Folge zu verfassen. Ich betrachte die Begegnung der in Umlauf geratenen, abwegigen Interpretationen als meine Pflicht einer Serie gegenüber, die mir in dunklen Stunden den Spaß an „Business“ zurückgegeben hat.

Don Draper nach seiner Beichte

Don Draper nach seiner Beichte

Nicht jeder ist vom hohen Unterhaltungswert dieser Serie restlos überzeugt, für mich machen aber genau die oft kritisierten, „wenig actionreichen Abläufe“ und „wahrhaftigen“ Dialoge den Reiz aus. Unschätzbar wertvoll sind auch die unzähligen Business-Lessons, die ein angehender wie auch erfahrener Geschäftsmann aus Mad Men ziehen kann, sowie die unterhaltsamen Geschichtsstunden über die US-amerikanische Gesellschaft jener Zeit. Für mich ist das Ende besonders schmerzlich, da es auch die einzige Serie ist, die ich mir zweimal komplett angesehen habe – mit einer aufsummierten Länge von immerhin fast 160 Stunden eine beträchtliche Zeitinvestition.

Previously on Mad Men…

Die letzte Folge (Achtung! Spoiler Alert) ist eine Kompression der sieben Staffeln und verbindet so unvorhersehbaren Wahnsinn mit „business as usual“. Donald Draper, der einige Folgen zuvor seinen Arbeitsplatz bei McCann Erickson spontan verlassen hatte, um auf einen ungeplanten Trip von New York nach Kalifornien aufzubrechen, findet sich in einem spirituellen Zentrum wieder. Er folgte Stephanie, Ana Drapers Nichte und damit für Don das letzte bisschen gestohlener Familie, das ihm nach Anas tragischem Tod geblieben ist. Zunächst nimmt Don skeptisch an den spirituellen Sitzungen, wie Meditation und Raumfühlen, teil – aus Liebe zu Stephanie. Als diese das Zentrum nach einem mentalen Zusammenbruch in Dons Wagen verlässt, bleibt er alleine zurück.

Don weint

Don weint

Angeschlagen von der Nachricht, dass Betty – seine erste Ehefrau – unheilbar an Krebs erkrankt ist und die gemeinsamen Kinder nach ihrem Tod nicht Don, sondern ihrem Bruder überlassen möchte, erlebt auch Don einen mentalen Zusammenbruch. Während eines Telefongesprächs mit Peggy, das einer Beichte seiner Desertation aus dem Koreakrieg und seines Identitätsbetrugs gleichkommt, kann er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Die Offenlegung der Ereignisse, die Don Draper, wie wir ihn kennen, erst schufen und die Tatsache, dass Peggy sich ausschließlich um seinen Gesundheitszustand sorgt und ihm damit indirekt die größte Sünde, die er aus seiner Sicht im Leben begangen hat, vergibt, paralysiert ihn.

Don, der Hippie?

Die Serie endet mit einem Don, wie wir ihn noch nie sahen: Er nimmt einen scheinbar ungeliebten Familienvater bei einer Sitzung in den Arm und beide schluchzen ohne Unterlass. Am Ende sehen wir Don Draper in Meditationspose mit leichtem Lächeln auf dem Gesicht und eine Einspielung des 1971 erschienen Coca Cola Werbespots „Mountain Top – I’d like to buy the world a Coke“.

Viel wurde bereits über dieses Finale geschrieben und darüber, dass „Odysseus nach Hause gekommen“ sei, dass Don Draper endlich innere Ruhe gefunden habe und auch die anderen Charaktere ihre Träume zum größten Teil verwirklichen konnten. Ich sehe das anders. Don Draper macht weiter, er hört nicht einfach auf – wer das glaubt, hat die letzten acht Jahre nicht aufgepasst. Hier ist meine Version, wie Mad Men endet… oder eben nicht.

Die Idee seines Lebens

Don bei der Meditation

Don bei der Meditation

Don Draper ist in der letzten Einstellung, in der wir ihn sehen, kein haariger Hippie. Wir sehen einen säuberlich rasierten Mann, mit einem tadellosen Hemd und einem Grinsen auf dem Gesicht, dass nicht Frieden ausdrückt, sondern einen Einfall – den wohl besten seiner Karriere: Die Idee einer Werbestrategie für die damals wertvollste Marke der Welt, „Coca Cola“. Denn Don Draper nutz seine eigenen Erfahrungen und die Dinge, die ihm in seinem Leben widerfahren. Mit diesen kreiert er Ideen, die genau die versteckten Bedürfnisse der Kunden ansprechen, um das Produkt erfolgreich zu platzieren. Und auch diesmal ist nichts anders: Die ständige Bedrohung durch den Kalten Krieg, die Emanzipation einer jungen gegenüber der alten Kriegsgeneration – all das wollten die Menschen 1971 hinter sich lassen und suchten nach „ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude“, wie es auch Nicole zehn Jahre später in Deutschland sang. Hinzu kommt, dass der „Hilltop“ Werbespot, der genau dieses Bedürfnis nach Völkerverständigung mit dem weltweiten Verkaufsschlager „Cola“ zu verknüpfen versucht, tatsächlich auch in Wahrheit von McCann Erickson geschaffen wurde.

Alle Wege führen zu Coca Cola

Hilltop von Coka Cola

Hilltop von Coca Cola

Und hier kommt alles zusammen: Don verließ McCann an jenem Vormittag, um auf den Trip aufzubrechen, weil er in einem Meer von Creative Executives unterging – er stach nicht mehr heraus, der Raum krümmte sich nicht mehr um ihn. Für Coca Cola zu arbeiten war der Grund, warum sich Don von McCann Ericksons CEO Jim Hobart überreden ließ, in die Zentrale zu ziehen. Hier in einem Meeting unterzugehen – er, der „Große Weiße Wal“, wie ihn Hobart nannte – kam nicht in Frage. Er brauchte Distanz, Input durch neue Erfahrungen und Zeit für neue Ideen. Nun fand er eine Idee, die ihn zur Legende werden lassen sollte.

Auch Peggy sprach Cola an, kurz bevor Don zusammenbrach: „Willst du nicht für Coca Cola arbeiten?“ Und es ist auch kein Zufall, dass das blonde Mädchen, das zu Beginn des Spots zu sehen ist, der Rezeptionistin im spirituellen Zentrum mehr als ähnlich sieht. Sie versicherte Don nämlich: „Du kannst gehen, wann und wohin du möchtest.“ Aber genau das kann er nicht. Weder im spirituellen Zentrum (sein Wagen ist fort) noch im echten Leben. Weder schaffte er es in den sieben Staffeln zuvor, noch könnte er es jetzt. Zwar rannte er bereits zweimal davon, aber nie war seine berufliche Stellung ernsthaft bedroht. Eine Legende wie er, die sich immer wieder als Schlüssel zum Erfolg herausgestellt hat, steht nie vor verschlossenen Türen – auch nicht bei McCann Erickson.

Das Ende von Donald Draper

Don mach weiter

Don mach weiter

Es ist also anzunehmen, dass Don nach New York zurückkehrte – im Gepäck nicht mehr als die Idee für einen der wohl berühmtesten Werbespots aller Zeiten. Er bekommt sein Meeting mit Coca Cola und erzählt von seinen Erfahrungen: Was er sah, was er sich dabei dachte, was die Menschen suchen und was Coca Cola ihnen bieten kann: Heimat … und das nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt.

Am Ende wird Don wohl an den Folgen seines Alkoholkonsums sterben, an Lungenkrebs oder an einem Herzinfarkt. Höchstwahrscheinlich wird dies entweder in seinem Büro, im Bett mit einer schönen, unbekannten sowie verheirateten Frau oder aber mitten in einem Pitch geschehen – ein spektakulärer Abgang.

Eins ist aber sicher: Er hört nicht einfach auf. Don macht weiter, bis er nicht mehr kann.

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